
Mit Hausverboten und dem Einsatz von Sicherheitskräften versucht die DB AG einer öffentlichen Ehrung der "Reichsbahn"-Opfer zu entgehen. Auf dem "Bahnhofsfest" in Hamburg kam es deswegen am 11. Juli zu Zusammenstößen mit Demonstranten, die Informationsmaterial verteilen wollten (Pressemitteilung). Für das Gedenken an die über 6.000 Deportierten, die auf dem Hamburger Schienennetz nach Minsk, Theresienstadt oder Auschwitz verschleppt wurden, biete das Eisenbahnjubiläum "nicht den geeigneten Rahmen", beschied das Bahnhofsmanagement die Demonstranten und wies sie aus dem DB-Gelände. Angesichts der erwarteten Demonstrationen auf anderen DB-Festen, deren Höhepunkt ein Auftritt der Bundeskanzlerin ist, sind weitere Auseinandersetzungen vorhersehbar.
Ihre mehrmonatigen Bahnhofsfeste hat die DB AG angesetzt, ohne eine Einigung mit den Überlebenden der Massendeportationen des Vorgängerunternehmens ("Deutsche Reichsbahn") abzuwarten. In Polen, der Ukraine und Russland hoffen die "Reichsbahn"-Opfer noch immer auf Restitution. Sie haben bis heute keinen Cent erhalten. Auch in Deutschland oder Frankreich ist eine Entschädigung der Bahn-Deportierten nie erfolgt. Stattdessen stiftet die DB AG jetzt Freifahrkarten nach Nürnberg, wo das DB-Museum eine hakenkreuzgeschmückte NS-Lokomotive zeigt ("Glanzlicht der Eisenbahngeschichte"). Zusätzlich wurde mit DB-Mitteln eine Ausstellung konzipiert, die das Großverbrechen künstlerisch überhöhen will, aber in einem Event des Voyeurismus landet: Monitore übertragen Kameraansichten des heutigen KZ-Geländes von Auschwitz - in Echtzeit! Zwischen den Fernsehzeilen des technischen Spektakels, das authentisch wirken soll, verschwindet die Wirklichkeit: Das soziale Elend, in dem viele "Reichsbahn"-Überlebende ihre letzten Tage verbringen müssen, wird unsichtbar und dem Mitgefühl entzogen.
Hinter solchen Kulissen lotet die DB AG eine kostensparende Kompensation der historischen Schulden aus. Klandestine Gespräche mit einzelnen Opfergruppen, Versprechungen an andere und Ausschaltung der Öffentlichkeit sollen die volle Rückzahlung der Deportationseinnahmen (445 Millionen Euro/Gutachten) verhindern. Die DB AG und ihre Eigentümerin, die Bundesrepublik Deutschland, scheinen sich über die Konsequenzen nicht im Klaren zu sein: Trotz aller taktischen Winkelzüge werden Schuld und Schulden vor internationalen Gerichten verhandelt werden müssen, sollte ein angemessenes Ergebnis nicht zustande kommen.
In einer Gemeinsamen Erklärung verlangen die Überlebenden der "Reichsbahn"-Deportationen aus 5 Ländern von der Deutschen Bahn AG humanitäre Hilfe. Der "Zug der Erinnerung" unterstützt den Appell mit einer Petition:
Aussöhnung und Gerechtigkeit
In der Erklärung, die am 26. März in Warschau verabschiedet wurde, heißt es:
"Wir sind Überlebende (der) Todestransporte. Für unseren Weg in Vertreibung, Gefangenschaft und Vernichtung hat die 'Deutsche Reichsbahn' Kilometer für Kilometer Gebühren erhoben.
Die Erklärung findet ein weltweites Echo (deutsche und internationale Medienberichte).
Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer hat dem "Zug der Erinnerung" für "das Gedenken an die Opfer der NS-Deportationen" gedankt. "Als Bundesverkehrsminister sehe ich mich auch in der Pflicht, einen Beitrag zum verantwortungsvollen Umgang mit unserer Geschichte und zu ihrer Aufarbeitung zu leisten", heißt es in dem Schreiben vom 2. Juni 2010. Das Ministerium spendet 20 Tausend Euro. mehr
Mit ihren bundesweiten "Bahnhofsfesten" zum 175. Jubiläum der ersten deutschen Eisenbahnfahrt stellt sich die DB AG in die Tradition der nationalen Bahngeschichte. Sie führte auch nach Auschwitz und in die anderen Lager. Doch das dabei verübte Großverbrechen, das der DB-Vorgänger zu verantworten hat, soll aus der öffentlichen Erinnerung getilgt werden. (Foto: Um den Besuchern des Hamburger "Bahnhofsfests" die Sicht zu versperren, umstellen Sicherheitskräfte der DB AG ein Transparent mit der Aufschrift "Die 'Reichsbahn'-Opfer ehren - den Überlebenden jetzt helfen".) Die Unterdrückung der berechtigten Forderungen und die Einschränkung der Öffentlichkeit werde weder in Deutschland noch im Ausland hingenommen werden, kommentiert der "Zug der Erinnerung".
Die Bürgerinitiative verlangt eine angemessene Restitution der überlebenden Opfer und die Gewährleistung unauslöschlicher Gedenken auf den ehemaligen deutschen Deportationsbahnhöfen. Die DB AG müsse ihren Widerstand gegen die Ehrung der Verschleppten aufgeben.
Appelle aus dem Inland und Ausland haben Bundesregierung und Deutsche Bahn AG zum Einlenken veranlasst: Nach 65 Jahren finden erstmals Gespräche mit den Überlebenden der "Reichsbahn"-Deportationen statt (Pressemitteilung). Zu den Geretteten gehört Josef Aron (Foto). Er wurde als Kind aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. Lesen Sie das Interview und zeichen Sie die Petition.
Einen Betrag in Höhe von 25.000 Euro übergaben Mitglieder des Vereins "Zug der Erinnerung" am 10. Januar an polnische Deportierte aus der Region Zamość. Das Gebiet war nach dem deutschen Überfall zu einer Musterregion für die Versklavung Polens erklärt worden. Über 100.000 Bewohner mussten ihre Häuser verlassen, um deutschsprachigen Neuansiedlern ("Volksdeutschen") Platz zu machen. Während die jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager kam, wurden polnische Zwangsarbeiterkontingente nach Deutschland deportiert ("Generalplan Ost"). Unter den Verschleppten befanden sich viele Jugendliche.
Von einer gemeinsamen Gedenkstättenfahrt in das frühere KZ Stutthof (Sztutowo) kehrten jetzt 16 Jugendliche in ihre deutschen und polnischen Heimatorte zurück. Die acht deutschen Teilnehmer aus Guben und Eisenhüttenstadt hatte der "Zug der Erinnerung" eingeladen, die Leitung lag bei der Warschauer "Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung".